Interview: Die neue digitale Branchenlösung im Personalverleih

21.03.2022
Interview: Simon Gröflin

In der Schweiz arbeiten pro Jahr rund 400 000 Menschen temporär via einen Personalverleihbetrieb. Um den Personalverleihern die Umsetzung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes zu erleichtern, lanciert swissstaffing als Branchenverband der Personaldienstleister im Oktober 2022 eine Branchenlösung in Verbindung mit der Webapplikation «safely».

Frau Bryner, Sie sind Projektleiterin der Branchenlösung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Woher der plötzliche Bedarf an einer Branchenlösung im Personalverleih?
Julia Bryner: Temporäre Mitarbeitende haben immer noch ein erhöhtes Unfallrisiko. Das möchten wir ändern. Der Entscheid für die Branchenlösung Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Personalverleih war ein klares Votum unseres Vorstands für die Prävention von Unfällen. swissstaffing engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Arbeitssicherheit und es haben verschiedene kleinere Projekte stattgefunden. Nicht zuletzt mit einem Weiterbildungsangebot gemeinsam mit der Suva. Mit der Branchenlösung gehen wir die Prävention von Unfällen im grossen Stil an: systematisch und gemeinsam als Branche.

Was ist dem eigentlichen Entscheid vorausgegangen?
J.B.: Im Personalverleih muss es häufig rasch gehen. Der Baustellenbetrieb hat beispielsweise einen erkrankten Mitarbeitenden und beansprucht infolge eines Auftrags in zwei bis drei Stunden einen neuen Mitarbeitenden. Die Einstellung mit den nötigen Instruktionen inklusive der PSA-Ausstattung und den erforderlichen Qualifikationen muss gut vorbereitet sein. Darin besteht die Hauptherausforderung: einerseits die Verwaltung der Schnittstelle zwischen dem Einsatzbetrieb, dem Temporärbüro und dem Mitarbeitenden; andererseits die Involvierung mehrerer Parteien, die sich miteinander absprechen müssen. Dies alles bedarf einer guten Orchestrierung. Ein klares Sicherheitssystem kann dabei grosse Unterstützung bieten und Unfälle verhindern.

War es somit ein stärkeres Bedürfnis nach einer Professionalisierung?
J.B.: Professionalisierung und Qualität sind wichtige Themen. Man kann jedoch nicht sagen, dass unsere Branche zuvor über kein Instrumentarium verfügte. Die einen Verleiher haben bessere Systeme, andere weniger professionalisierte Massnahmen. Aber wenn wir nun das System einer Branchenlösung betrachten und man ganz genau nach diesem System vorgeht, lassen sich all jene Punkte dieses «Flickenteppichs» ausmerzen und die Unfälle minimieren. Dies bestätigen generell die Statistiken vieler Branchenlösungen: dass man mit System Erfolg hat.

Frau Cantagallo, Sie sind die künftige Ansprechperson der Branchenlösung bei swissstaffing. Geriet man denn auch vermehrt unter Zugzwang bei den Arbeitsinspektoren?
Maria Cantagallo: 2019 hat die Suva initiiert, die Gesamtbranche wieder vermehrt zu kontrollieren, und im Personalverleih das Bedürfnis ausgelöst, bestimmte ASGS-Anforderungen noch besser zu erfüllen. Wenn ein solches Postulat ausgelöst wird, nimmt dies der Verband natürlich auch entgegen und man wägt ab, welche neuen Projekte Sinn ergeben – und so hat man sich schnell entschieden, dass ein weiterer Schritt nötig ist – wozu auch die nötigen Budgets freigesprochen werden mussten: kein kleiner Entscheid, der sorgfältig abgewogen wird.

Wie soll die Branchenlösung den Mitgliederbetrieben helfen? Was ist der Mehrwert?
M.C.: Die Betriebe erhalten eine nahezu fixfertige und auf den Personalverleih massgeschneiderte Lösung. Alle Vorlagen werden den Betrieben technisch zur Verfügung gestellt. Diese können eins zu eins übernommen werden und müssen vorlagentechnisch nur entsprechend individualisiert werden. Über unsere Branchenlösung wird das Know-how der Arbeitssicherheitsspezialisten gewährleistet. Mittels Weiterbildungen, Informationen und Support unterstützen wir die Personalverleiher zudem bei der Umsetzung der Arbeitssicherheit im Alltag. Mit dem Sicherheitssystem der Branchenlösung erfüllen die angeschlossenen Betriebe die EKAS-Richtlinie 6508. Gleichzeitig ist es unser Ziel, langfristig die Unfälle zu minimieren und dabei auch die Suva-Prämien zu reduzieren.

Das Beschäftigungsspektrum der Personalverleihbranche hinsichtlich ASA-Kontrollen ist riesig. Wie geht das unter einen Hut?
M.C.: Die Geschäftsprozesse sind über alle Personalverleihbetriebe sehr ähnlich. En gros bieten wir die «Basics» an und die Betriebe wählen dann aus verschiedenen Hilfsmitteln aus. Sämtliche Checklisten von A bis Z unterscheiden sich natürlich von Branche zu Branche ein wenig. Die typischen Hauptchecklisten für PSA sowie für Helme und Schutzkleider sind als übergreifende Vorlagen jedoch sehr ähnlich aufgebaut. Wir können zudem über
unsere Lösung für alle betroffenen Branchen gewisse Päckli schnüren, welche die Instruktion bezüglich Arbeitssicherheit standardisieren und vereinfachen. Dabei gibt es definiete wie auch optionale Checklisten, welche zusätzlich zur Verfügung stehen.

Die Lösung ist von Anfang an digital ausgerichtet. Wie kam es dazu?
J.B.: Seit Projektbeginn haben wir zahlreiche Workshops mit unseren Mitgliedern durchgeführt. Ziel dabei war es, von unterschiedlichen Mitgliederbetrieben aus allen Schweizer Regionen die Bedürfnisse abzuholen und Hilfsmittel zu spiegeln. Eines der wichtigsten Bedürfnisse war der Wunsch nach einem geräteunabhängigen digitalen Tool und einer schnelleren Kommunikation. Uns war von Anfang an wichtig, dass es eine Schweizer Lösung ist. Darüber hinaus suchten wir nach einem intuitiven und leicht anwendbaren Tool. Viele Personalverleiher arbeiten zwar tagsüber vor einem Desktop-PC, sind aber auch mit ihren Mobilgeräten unterwegs. Darauf folgte eine tiefergreifende Analyse und wir haben uns auf dem Markt nach den Möglichkeiten umgeschaut. Schliesslich stiessen wir auf die Lösung «safely» von Lobsiger & Partner GmbH, die von Anfang an bei uns einen guten Eindruck hinterliess, weil sie massgeschneidert ist für Branchenlösungen, und dies für alle Branchen.

Was sind die Vorteile einer digitalen Lösung für die Mitgliederbetriebe?
M.C.: Die Lösung schafft primär eine zentrale Fach- und Anlaufstelle, die beratend zur Seite steht. Wir haben als Wegleitung viele einheitliche To-do-Schritte integriert, um die verschiedenen Punkte in den jeweiligen Kapiteln zu erfüllen. Unsere Devise lautet: «Keep it short and simple.» Im Tool per se integriert sind sowohl ein Ausbildungsmanager als auch ein Instandhaltungstool inklusive aller Checklisten und fachspezifischen Vorlagen, die laufend aktualisiert werden. Alle Aufgaben im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz können im System abgewickelt werden, beispielsweise mittels Aufgaben. Mit im Paket sind auch unsere ERFA-Tagungen, an denen sich die angeschlossenen Betriebe regelmässig untereinander austauschen dürfen, um die Branchenlösung zusammen aktiv auszugestalten.

Was kostet das?
M.C.: Die Lösung wird nicht vollständig kostenlos sein. Pro Mitglied und Nichtmitglied von swissstaffing wird ein sehr fairer Betrag erhoben. Darin enthalten sind die SiBe- und CEO-Schulung, das Handbuch mit allen Vorlagen und Checklisten sowie die Webapplikation safely. Auch der Support durch die Geschäftsstelle sowie ERFA-Tagungen sind für die angeschlossenen Betriebe im Preis enthalten. Damit wir Erfolg haben mit der Branchenlösung, ist es wichtig, dass sich zahlreiche Personalverleiher anschliessen. Aber wie sagt man so schön: Was nichts kostet, ist nichts wert. Deshalb ist der Preis bewusst niedrig gehalten. Die Nutzung der Lösung und der Erfolg der Branchenlösung sind uns eine Herzensangelegenheit.

Wann geht das Projekt offiziell in die Pilotphase?
M.C.: Ab dem 3. Oktober geht die Branchenlösung in die Pilotphase und Personalverleiher können ab diesem Zeitpunkt mitmachen. Die Alternative zur Branchenlösung ist eine eigenständige Entwicklung eines Sicherheitssystems, die jedoch unter Umständen sehr hohe Kosten verursachen kann. Daher hat nun der Verband die Initiative ergriffen, eine solche Lösung anzubieten. Mit dem Anschluss an die Branchenlösung erhöht ein Personalverleiher nicht nur seine Qualität, er ist auch gewappnet für die Suva-Kontrollen. Sich einer Branchenlösung anzuschliessen ist daher eine interessante Alternative.

 

Ursprünglich erschienen in SAFETY-PLUS 3/22, Seite 12–13